Hier finden Sie aktuelle Artikel und Berichte aus den USA in deutscher Sprache. Um weitere Artikel zu lesen, klicken Sie bitte rechts auf die Links unter dem Punkt “Artikel und Berichte”.
New York – eine Stadt ohne Anfang, ohne Ende
Da sitzt er – an dem großen Fenstertisch im Café Pick-me-up. Graue Haare sind selten zwischen all den jungen ernsten Gesichtern, die tief ihr Nikotin inhalieren, schweigend – vor sich Kaffee, Buch, Stift, Block. Nur ein paar verirrte Touristen plappern, philosophieren über ihre ersten Erfahrungen in der Subway, wundern sich über den heimeligen Schmuddel in den Shops und East-Village-Cafés, schwärmen von der Aussicht vom Empire State Building und von den Squirrels im Central Park, die nie alleine über die Bäume turnen – sondern immer zu zweit.
“Dear Jack”, schreibt der Alte in großen roten Lettern. Neben ihm auf dem Stuhl: sein Rucksack, voll mit noch nicht geöffneten Briefen. “We are friends now for so many years”, schreibt er weiter. Vielleicht war er lang, lang verreist, oder er hat sein Postfach ein Jahr lang nicht bezahlen können. Vielleicht hat er all die Briefe auch nur gesammelt für diesen stillen Moment. Ich weiß es nicht. Ich habe seinen Brief nicht weiter gelesen. Es gibt Geschichten, von denen genügt es zu wissen, dass es sie gibt. Sie gehören dazu wie die Pennys, die selbst die Penner achtlos auf den Boden werfen, wie die Pappbecher voll Milchkaffee und die Yellow Cabs, die Farbe in die grauen Straßen bringen, in denen es von allem zu viel gibt: zu viele Einkaufstüten, zu viele Schaufenster, Presslufthammer, Fotoapparate, Turnschuhe, Hotdog- und Erdnuss-Stände, zu viele Menschen, Begegnungen, Gedanken, Geschichten.
Wie viele Wörter würde man brauchen, um all das zu erzählen, die Einwohnerzahl von New York mal aller Stockwerke der Wolkenkratzer von Manhatten? Niemand muss jetzt anfangen die Wörter in der New York-Triologie von Paul Auster zu zählen oder die Spitzfindigkeiten in den Dialogen von Woody Allens Frühwerk “Manhatten”. Auch nicht die Porträts, mit denen Nan Goldin die Geschichten ihrer Freunde festgehalten hat und genausowenig die Auftritte von DJ Spooky, der überall ist und nirgendwo. Denn es hätte keinen Sinn.
Es reicht nicht, zu lesen, zu hören, zu sehen. Wer New York verstehen will, muss die Stadt spüren, muss sich auf den Asphalt legen, sein Ohr fest auf den Boden pressen. Nur wer den Puls spürt, weiß, wie die Stadt tickt. Am lautesten schlägt der Puls in Manhattan, dem Mittelpunkt New Yorks, in dem sich alles nach oben streckt, weil im Norden, Westen, Süden und Osten kein Platz mehr ist.
Natürlich hätte ich den alten Herrn nach seiner Geschichte fragen können, nach Jack, nach all den Briefen und warum er sie nicht liest. Ich weiß, wir hätten uns gut verstanden. Er hätte mir spannende Geschichten erzählt, über sein New York. Egal ob man zwei Tage hier ist, drei Wochen, fünf Monate, vier Jahre oder schon seit der Geburt. Durch andere Augen läßt sich New York immer wieder neu entdecken. Jede Perspektive ist ein wichtiger Wegweiser in dieser Stadt, die kein Ende kennt.